RfM-Jahrestagung 2020

KRITIK
RASSISTISCHER
PRAKTIKEN

Wissenschaftliche und
politische Perspektiven

Die Ermordung des US-Amerikaners George Floyd durch einen Polizisten hat in diesem Jahr der weltweiten ­antirassistischen Protestbewegung Black Lives Matter einen starken Anschub gegeben. Dass Rassismus und Antisemitismus auch in der deutschen ­Gesellschaft wirksam sind, haben nicht erst die jüngsten Morde in Hanau, Kassel und Halle gezeigt.

Dennoch: Im deutschsprachigen Raum ist die Verwendung des Ausdrucks Rassismus durch das historische Wissen über den Nationalsozialismus geprägt. Dies erschwert häufig, dass die Analysekategorie Rassismus zur Untersuchung von Gegenwartsverhältnissen Verwendung findet. Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus sind Begriffe der deutschen Debatte, die auf rassistische Routinen, ­Bewegungen und Praktiken bezogen sind. Ihre ­Verwendung trägt allerdings zuweilen dazu bei, ­rassistische Normalität zu de-thematisieren und ­gesellschaftlicher Kritik zu entziehen.

Rassismus äußert sich nicht nur in geschlossener Ideologie und manifester Gewalt bis hin zu Morden, sondern in alltäglichen und gewöhnlichen Praktiken. Rassismus ist Teil sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche (z.B. Schule, Sicherheitsbehörden, Wissenschaft). Deshalb kommt es darauf an, die komplexe Wirksamkeit und Normalität rassistischen Denkens und Handelns sowie rassistischer Narrative zu erfassen. Die internationale sozialwissenschaftliche Rassismusforschung arbeitet dazu mit einem Rassismusbegriff als analytischer Kategorie. Sie untersucht, wie Strukturen und Prozesse in Institutionen und alltäglichen Interaktionen der Subjekte zu Rassismen führen, ohne dass damit immer explizit rassistische Absichten verbunden sein müssen.

Die Jahrestagung des Rats für Migration im November 2020 widmet sich der Analyse der Wirkmächtigkeit von Rassekonstruktionen in Politik und Wissenschaft. Sie diskutiert Möglichkeiten, diese Wirkmächtigkeit zu mindern und verfolgt die folgenden Hauptfragen: Welche Formen nimmt Rassismus an? Welche Bedingungen begünstigen ihn? Welchen Beitrag leistet Rassismusforschung zur Analyse dieser Situation? Wo liegen die Grenzen der Erklärungskraft der Rassismusforschung? Was sind tragfähige Konzepte des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rassismus mit besonderem Schwerpunkt auf Wissenschaft und politischer Gestaltung?
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Programm

Donnerstag
12. November 2020
Foyer PA-Gebäude

Begrüßung

Für den Rat für Migration
Prof.‘in Dr. Yasemin Karakaşoğlu
(Universität Bremen, Vorsitzende des Rats für Migration)

Für die Planungsgruppe der Jahrestagung
Prof. Dr. Vassilis Tsianos (FH Kiel)

Für das Projekt Fem4Dem
Prof. Dr. Harry Harun Behr (Goethe-Universität Frankfurt)
PODIUMSDISKUSSION

Das Podium befasst sich mit unterschiedlichen Rassismen in der Sozialen Arbeit, Bildungspolitik und Schule. Die Expert*innenrunde diskutiert die Frage, inwiefern verschiedene Rassismen als Varianten eines Rassismus verstanden werden können und welche Spannungsfelder die aktuelle Rassismusdebatte bewegen.
Podium: Rassismus oder Rassismen

Prof.‘in Dr. Maureen Maisha Auma
(HS Magdeburg-Stendal)

Prof.‘in Dr. Iman Attia
(ASH Berlin)

Prof. em. Micha Brumlik
(Universität Berlin)

Prof.‘in Dr. Elisabetha Jonuz
(HS Hannover)

Moderation
Prof.‘in Dr. Helma Lutz
(Goethe-Universität Frankfurt)

Prof. Dr. Paul Mecheril
(Universität Bielefeld)
Informeller Ausklang
Freitag
13. November 2020
Einführung

Dr. Meltem Kulaçatan
(Goethe-Universität Frankfurt, Sprecherin der Sektion Gender und Sexualität im Rat für Migration e.V.)
ÜBER RASSISMUS IN DER WISSENSCHAFT SPRECHEN

Der Beginn des neuzeitlichen Rassismus war mit der wissenschaftlichen Konstruktion von ‚Rassen‘ verbunden, die das Legitimationsnarrativ für koloniale Eroberung und Unterdrückung als auch für Antisemitismus bildeten. Nach der Shoah entwickelte sich in Deutschland eine Abkehr von der affirmativen Verwendung des Rassebegriffs; stattdessen wird auf Äquivalente wie Kultur, Religion und Ethnizität zurückgegriffen. In aktuellen Praktiken der Wissenschaften sind De-thematisierungen, Ausgrenzungen und Zuschreibungen mit rassistischen Effekten anzutreffen. Zugleich gibt es in der Wissenschaft diverse Ansätze einer kritischen Auseinandersetzung.
Vortrag: Konjunkturen des Rassismus

Prof.‘in Dr. Manuela Bojadžijev
(HU Berlin)

Kommentar
Dr. Maria Alexopoulou
(TU Berlin)

Moderation
Prof. Dr. Rudolf Leiprecht
(Universität Oldenburg)

Prof.‘in Dr. Annita Kalpaka
(HAW Hamburg)
Pause
RASSISTISCHE PRAKTIKEN IM BILDUNGSSYSTEM

Die Schule als Ort der Produktion und Reproduktion rassistischer Zuschreibungen und Ausschlüsse stellt einen zentralen Gegenstand der Rassismusforschung dar. Denn die Schule in Deutschland ist eine in mehrfacher Hinsicht machtvolle Organisation, die historisch die (rassistisch strukturierte) Nationalstaatsbildung begleitete und deren Curricula westlich-europäisch-koloniale Wissensbestände spiegeln, die über die allgemeine Schulpflicht zu gesellschaftlichen Normen werden.

Sowohl auf der Ebene der Interaktionen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen als auch auf der Ebene von Regeln und Routinen (z.B. monolingualer Habitus, separate Klassen für Neuzugewanderte) werden natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit produziert und damit Diskriminierungen legitimiert und Lebenschancen ungleich verteilt. Zugleich ist die Schule ein Raum, in dem Rassekonstruktionen und Ungleichheit thematisiert, problematisiert und zuweilen abgeschwächt werden. Das Panel bietet Raum, aktuelle Schul-Praxis aus einer antisemitismus- und rassismuskritischen Perspektive zu diskutieren.
Resonanzen

Prof. Dr. Harry Harun Behr
(Goethe-Universität Frankfurt)

Dipl.-Päd. Sabena Donath
(Leiterin Bildungsabteilung Zentralrat der Juden in Deutschland, Frankfurt am Main)

StR Saraya Gomis
(Each One Teach One (EOTO) e.V., Berlin)

Dr. des. Saphira Shure
(Universität Bielefeld)

Moderation
Prof.‘in Dr. Juliane Karakayali
(HU Berlin)
Mittagspause
PRAKTIKEN POLIZEILICHER RASSISTISCHER MARKIERUNG UND BELANGUNG: RACIAL PROFILING

Mit Racial Profiling wird eine polizeiliche Routine und Praxis bezeichnet, die Menschen aufgrund äußerer Merkmale in den Fokus nimmt. Obwohl diese Praxis als verfassungswidrig kritisiert wird, finden sich in ganz Europa hierfür Beispiele: Rasterfahndung, Stop and Frisk und sogenannte verdachtsunabhängige Kontrollen in spezifischen Gebieten. Racial Profiling ist laut offiziellen Aussagen keine polizeiliche Praxis in Deutschland. Jedoch verweisen vielfältige Berichte, nicht zuletzt Schwarzer Personen und People­of Colour darauf, dass regelmäßige Kontrollen im öffentlichen Raum stattfinden, die unter anderem mit Stigmatisierungen verbunden sind. Racial Profiling wird daher mit Mitteln des Aktivismus, der Rechtsprechung und wissenschaftlicher Evidenz (partizipatorische Forschung) problematisiert.
Vortrag

Forschungsgruppe Racial Profiling

(Zürich, CH): Tarek Naguib, Dr. Tino Plümecke und Mohamed Wa Baile, Claudia S. Wilopo

Resonanzen
Dr. Franziska Schutzbach
(Universität Basel)

Dr. Vanessa Thompson
(Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder))

Diskussion mit dem Publikum

Moderation
Prof.‘in Dr. Linda Supik
(Leibnitz Universität Hannover)

Prof. Dr. Vassilis Tsianos
(FH Kiel)
Pause
DEUTSCHE POLITIK IM SPIEGEL DER UN-ANTI-RASSISMUSKONVENTIONEN

Die Forderung nach Streichung des Begriffs ‚Rasse‘ aus dem deutschen Grundgesetz hat im Zuge der rassistischen Morde in Hanau eine neue Dringlichkeit erreicht. Die Bedeutsamkeit dieser Forderung erschließt sich einmal mehr, wenn sie im Kontext der turbulenten Geschichte der UN-Anti-Rassismuskonventionen gelesen wird. Dem Versuch des Post-racialism, Rassismus durch die Nichtverwendung des Begriffs race/‘Rasse‘ seine Wirkmächtigkeit zu entziehen, muss jedoch mit Skepsis begegnet werden. Die Streichung des Begriffs ‚Rasse‘, so die Kritik, gebe ohne Not eine etablierte juristische Tradition preis. Letztere ermöglicht es, rassistische Diskriminierungen als solche zu einem Gegenstand einklagbaren Unrechts zu machen. Im Rekurs auf antirassistische und postkoloniale Kritiken rekonstruiert der Vortrag die Geschichte und Gegenwart dieser Debatte.
Vortrag
Prof. Dr. Vassilis Tsianos
(FH Kiel)

Resonanz
Doris Liebscher, LL.M.Eur
(HU Berlin)

Moderation
Prof.‘in Dr. Karin Scherschel
(KU Eichstätt-Ingolstadt)
Resümee und Verabschiedung

Prof.‘in Dr. Yasemin Karakaşoğlu
(Universität Bremen, Vorsitzende des Rats für Migration)

Prof. Dr. Paul Mecheril
(Universität Bielefeld, Stellvertretender Vorsitzender des Rats für Migration)
Hier finden Sie die Kurzprofile der Referent*innen und Moderator*innen.

Anmeldung für den Livestream

Vielen Dank!
Etwas ist schiefgelaufen!
Die Tagung findet unter den Auflagen zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Covid-Virus SARS-CoV-2 statt. Das bedeutet, dass die Veranstaltung vor Ort auf eine Teilnhemer*innenzahl von lediglich 50 Personen beschränkt ist. Die äußerst knapp bemessene Anzahl an Plätzen wird durch ein Streamingangebot ausgeglichen, welches Ihnen die Möglichkeit geben wird, sich ortsunabhängig live zur Veranstaltung zuzuschalten. Nähere Informationen hierzu werden ihnen vorab per Mail zugesendet.

Die Jahrestagung Kritik rassistischer Praktiken. Wissenschaftliche und politische Perspektiven ist öffentlich. Eine Anmeldung ist bis zum 31. Oktober 2020 über diese Seite erforderlich. Bei Überschreitung des Kontingentes werden RfM-Mitglieder bevorzugt.

Die Jahrestagung des Rats für Migration findet an der Goethe-Universität Frankfurt in Kooperation mit dem Projekt Fem4Dem (Leitung von Prof. Dr. Harry Harun Behr und Dr. Meltem Kulaçatan) statt. Der RfM bedankt sich für die sehr gute Kooperation und großzügige Unterstützung.

VERANSTALTUNGSORT
Goethe-Universität Frankfurt
Campus Westend
PA-Gebäude
Theodor-W.-Adorno-Platz 1
60629 Frankfurt am Main

KONTAKT
Rat für Migration e.V.
info@rat-fuer-migration.de
Tel.: 030/2088 8480